
Frühling & Sommer 2026
Frühlingswinde
Das Wort vårvindar wird seit langem nicht nur als meteorologische Beschreibung verwendet. In der nordischen Tradition galten sie als Träger des Wandels – eine Bewegung, die sowohl die Natur als auch den Menschen in Umstellung versetzte. Früher sprach man davon, dass die Frühlingswinde „die Erde öffneten“, weil der Boden zu atmen begann und Düfte verbreitete, wenn die Luft in Bewegung geriet.
Forschungen zeigen auch, dass milde Winde tatsächlich Pflanzen stärken: Wenn Stängel sich bewegen, entwickelt sich stärkeres Gewebe. So formen die Frühlingswinde die Landschaft nicht durch Kraft, sondern durch Wiederholung und Gegenwart. Frühlingswinde sind also nicht nur ein Gefühl – sie sind stille Mitgestalter des Lebens.
Die enthaltenen Texte sind das Gedicht Mot Våra von Erik Axel Karlfeldt aus dem Buch „Vildmarks- och Kärleksvisor“ von 1895. Das Gedicht ist gemeinfrei.
Die Bilder im Katalog wurden am Dammsjön und Högkulla in Solvarbo, Dalarna, aufgenommen.


Wenn die Wiese, die wasserdurchtränkte,
ihre ersten Entenküken hat
und die Cranberries weich daliegen
und in Rot und Blau schimmern,
dann öffne ich Tor und Tür,
die früher im Winter verschlossen waren,
denn die Kammern werden mir zu schwer,
sobald es auf den Frühling zugeht.



Ich möchte wie Noah aus der Arche
auf das trocknende Land hinausgehen
und in der Einöde entzünden
ein Opfer aus flammenden Worten.
Wie Tauben mit Ölzweigen
ziehen Graugänse nach Norden,
und in ihrer luftigen Bahn
streuen wir unser funkelndes Goldkorn.



Jetzt brodelt mein Blut wie das Wasser der Bäche,
das ruhig und kühl floss.
Jetzt ruft wie die Eule in der Nacht
das lange verstummte Leid.
Es ist, als hätte jeder Same der Melancholie
Kraft zum Keimen durch das Tau des Frühlings erhalten,
und die Erinnerungen fühlen sich so schwer an,
jedes Mal, wenn es auf unsere Zeit zugeht.


Hör das Summen der Waldohreule
und das kleine Zwitschern der Lerchen!
Hör das Brüllen von Ochse und Färse,
die sich nach dem Leben in der Wildnis sehnen!
Jetzt werden Ruten und Bügel gedreht,
jetzt werden Boote und Planken geteert;
es wird so schwer gearbeitet und geputzt,
um den herrlichen Frühling zu ehren.



Bald ergrünen Felder und Äcker,
bald blühen Garten und Wiese,
und das Mädchen sucht Veilchen
um neben ihrem Bett zu duften
und seufzt mit traurigem Rauschen
und lächelt wie in träumerischem Rausch –
denn die Mädchen werden dann zu schwer,
sobald es auf unsere Zeit zugeht.

Frühlingswinde
Frühlingswinde wehen leise durch die Landschaft, eher eine Erinnerung als ein Ereignis. Sie bringen Bewegung ohne Gewicht mit sich und verändern die Welt mit sanfter Hand. Sie streichen über den Boden, durch die Baumkronen und über offene Flächen, wo das Licht sich sammelt. Alles, was wächst, scheint instinktiv auf sie zu reagieren, als wüsste die Luft selbst, wohin sie weht.
Frühlingswinde öffnen Raum. Sie durchdringen Körper und Gedanken, lösen Stillstand auf und schaffen Raum für Atem und neue Wege. Sie verweilen in unseren Schritten, im erhobenen Blick, im Gefühl der Gegenwart. Sie tragen den Duft von Erde und Leben, von Neubeginn und Möglichkeiten in sich. Sie berühren die Welt, ohne etwas im Gegenzug zu fordern.
Frühlingswinde versprechen nichts. Sie erklären nichts. Doch in ihrer Bewegung liegt eine stille Gewissheit: dass alles bereits im Gange ist.


